Kohle in Kolumbien

Kohle in Kolumbien

Kohle in Kolumbien

Jorid Lange, Kristin Junker, Pia Rodeck, Philipp Erhardt

Im nördlich gelegenem departamento (Verwaltungsgebiet) La Guajira, in welchem wir einen Teil der Exkursion verbrachten, liegen schätzungsweise knapp 3.500 Millionen Tonnen Kohle unter den ersten Gesteinsschichten. Dies ist das größte Vorkommen in ganz Kolumbien. Zum Vergleich im Department Cesár liegen etwa 1.400 Millionen Tonnen Kohle unter der Erde (Angaben Stand 2018, vgl. Manrique Galvis & Olivares Rivera 2019). In Deutschland liegt das Kohlevorkommen bei ca. 36.000 Millionen Tonnen, davon sind jedoch nur 8 Millionen Tonnen Steinkohle (vgl. BP World Energy 2018: 36). Den Zahlen liegt eine gewisse Fehlerquote zugrunde, je nachdem welche Quelle zitiert wird. Laut dem BP Statistical Review of World Energy  (2018: 36) liegt der gesamte Kohlevorrat Kolumbiens bei 4.881 Millionen Tonnen; also etwas niedriger als vom kolumbianischen Ministerium für Bergbau angegeben. Die vorläufigen Zahlen zur Produktion 2018 in diesen beiden für den Kohleabbau wichtigen Departments liegen bei 31 Millionen Tonnen in La Guajira und bei gut 46 Millionen Tonnen im Cesár. Die Produktion der Steinkohle wird in über 90% der Fälle im Tagebau, also unter freiem Himmel betrieben. Der Tagebau El Cerrejón, welche in den Gemeinden (municipios) Albania, Barrancas und Hato Nuevo agiert, generiert den gesamten Kohleabbau in La Guajira (Angaben Stand 2018, vgl. Manrique Galvis & Olivares Rivera 2019).

Kohleexport

Jegliche Kraftwerkskohle, die Deutschland 2018 aus Kolumbien importierte (163.432 Tonnen) stammte aus der Kohlemine El Cerrejón, die wir besuchten (vgl. MinEnergía, UPME, SIMCO).
Vermutlich sind ein Großteil dieser Lieferungen über den Hamburger Hafen nach Deutschland gekommen. Auf der kolumbianischen Regierungsseite des Ministeriums für Bergbau und Energie (Ministerio de Minas y Energía), gibt es einen Service mit welchem sich angeschaut werden kann, welche Menge an Kohle in welchen Gebieten produziert, wohin die Exporte gehen und aus welchen Ländern Kohle importiert wird. Zusätzlich werden Angaben über die sogenannten regalías (Lizenzgebühren) gemacht. Teilweise gibt es eine Fülle an Daten, die bis ins Jahr 1940 zurückgehen. Dieses Angebot ist nicht nur auf Kohle beschränkt.
Das Ministerium für Bergbau und Energie gibt an, dass der Abbau 2018 bei 62 Mio. Tonnen Kohle liegt, und dass ca. 86 Millionen Tonnen exportiert wurden. Dabei sind alle Kohlearten berücksichtig; die Diskrepanz der Daten könnte darauf zurückzuführen sein, dass in den Vorjahren abgebaute Kohle erst in folgenden Jahren exportiert wurde. Genauer aufgeschlüsselt ist diese jedoch nicht und deswegen nur eine Vermutung meinerseits. Kolumbien importierte 2018 nur eine knappe Tonne Kohle (größtenteils Anthrazit 0,573t und Braunkohle 0,363t und wenig Kokskohle 0,018t), diese stammte hauptsächlich aus Peru, den USA und China (vgl. MinEnergía O.D.). Hauptabnahmeländer für die thermische Kohle
(Kraftwerkskohle) im Jahr 2018 waren die Türkei (ca. 23 %), Chile mit knapp 10 % und die Niederlande mit gut 7 % (um auf die Relevanz für uns zurückzukommen: vermutlich ist Rotterdam der Einfuhrhafen) dazu kommen Spanien, Mexiko, Korea und andere. Die metallurgische Kohle (also Hüttenkohle) wurde hauptsächlich in die Türkei (36 %), nach Brasilien (31 %) und Japan (21 %) exportiert (Manrique Galvis & Olivares Rivera 2019: 19f).

Konzessionsvergabe

Um Kohle abbauen zu können brauchen Unternehmen in Kolumbien eine Konzession, welche in einem objektiven (laut Ministerium) Auswahlprozess vergeben wird; es muss eine Gewinnsteuer entrichtet und Lizenzgebühren im Wert von 1 – 12 % des Wertes der Mine erbracht werden (MINMINAS 2016: 59). Die eben erwähnten regalías werden im technischen Glossar des Bergbaus herausgegeben von dem Ministerium für Bergbau und Energie wie folgt beschrieben:

Lizenzeinnahmen

  1. Ausgleichszahlung für die Nutzung fremden Eigentums. Der vereinbarte Prozentsatz basiert auf den durch die Nutzung entstehenden Einnahmen.
    […] Im Allgemeinen, werden die Lizenzeinnahmen mit extraktiven Tätigkeiten assoziiert, im spezielleren mit der Erdölförderung.
  2. Im Einklang mit den Artikeln 58, 332 und 360 der Verfassung, wird bei jeder Ausbeutung von natürlichen, nicht erneuerbaren Ressourcen, die dem Staat gehören, eine Lizenzgebühr als obligatorische Gegenleistung erhoben. (freie Übersetzung von Jorid Lange)

Exkurs: Stromerzeugung in Kolumbien
Laut dem Energieministerium (MinEnergía) werde nur 3,6 % der Stromerzeugung des Landes durch Kohle, 86% jedoch durch Wasserkraft erzeugt. (vgl. MinEnergía 2018: 81).

Abb. 1: Verteilung der elektrischen Energiequellen im Jahr 2017. Quelle: MINISTERIO DE MINAS Y ENERGÍA; UNIDAD DE PLANEACIÓN MINERO ENERGÉTICA, UPME 2018: 81.

Exkurs: Deutsche Kohleimporte- problematisch oder notwendig?

Ende 2018 endete der Steinkohleabbau in Deutschland, doch das bedeutet nicht, dass die Steinkohle nun auch nicht weiter genutzt wird. Vielmehr wird diese Kohle weiter aus dem Ausland beschafft, wobei der Hamburger Hafen hierfür ein wichtiger Umschlagplatz ist (vgl. Misereor 2017; Fiedler Und Meyer 2018). Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes deuten einen leichten Rückgang bei den Importen von Steinkohle(-briketts) an, folgende Tabelle enthält die Importe in Tonnen und den Warenwert der letzten drei Jahre. Zahlen für 2019 sind noch nicht veröffentlicht.

Tabelle 1: Steinkohleimport Deutschland. Eigene Darstellung. Datenquelle: STATISTISCHES BUNDESAMT 2018.

Die Kommission „Wachstum, Strukturwandel Und Beschäftigung“ empfiehlt einen Ausstieg aus der Kohle spätestens bis zum Jahr 2038, das bedeutet, dass noch 19 weitere Jahre Steinkohle aus Ländern wie Kolumbien importiert werden kann und es somit unmöglich wird das 1,5° Ziel zu erreichen. Die Verstromung von Steinkohle hängt von den technischen Bedingungen der Anlagen und den Preisentwicklungen ab.  Die neuesten Anlagen erreichen erst in den 2050er Jahren ein Alter von 40 Jahren. In den 2050er Jahren soll laut Klimaschutzplan der Ausstoß von Treibhausgasen um 80 bis 95 % gesenkt werden (vgl. Komission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ 2019: 75). Steinkohlekraftwerke sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt und spielen deswegen eine geringe wertschöpferische Bedeutung in den jeweiligen Kreisen (im Durchschnitt 0,17 % der Gesamt-Wertschöpfung [vgl. ebd.: 77]). Dennoch trägt die Steinkohlewirtschaft in einigen Gebieten erheblich zur „Wertschöpfung und Beschäftigung“ (ebd.: 16) bei. Einige Kraftwerke werden bereits jetzt schon stillgelegt, allerdings weist die Kohlekommission darauf hin, dass sich die Leistung in den nächsten Jahren nicht wie geplant verringern, sondern erhöhen kann. Dem liegt zugrunde, dass einige Anlagen wieder in Betrieb genommen oder die Stilllegung aufgeschoben werden könne, wodurch die Leistung wieder zunehmen könne (vgl. Kommission „Wachstum, Strukturwandel Und Beschäftigung“ 2019: 29).

Der Bericht geht kaum auf die Importbedingungen von Steinkohle ein. Es wird lediglich erwähnt, dass an Wasserstraßen gelegene Anlagen einen günstigen Zugang zu Importsteinkohle haben (vgl. Kommission „Wachstum, Strukturwandel Und Beschäftigung“ 2019: 94) und, dass die Strompreise unter anderem von den Importpreisen der Steinkohle abhängen (vgl. ebd: 32).  Zwar geht der Bericht auf die sozio-ökologischen Folgen der Umsiedlungen durch den Braunkohleabbau in Deutschland ein (vgl. ebd: 73), dabei bleibt jedoch unerwähnt, dass ähnliche und brutalere Umsiedlungsprozesse durch den Steinkohleabbau in Kolumbien stattfinden (siehe Tamaquito oder Roche). Auch wenn die Zahlen rückläufig sind, werden aus Kolumbien immerhin noch 13 % (6,5 Millionen Tonnen) des Gesamtimportvolumens von Kesselkohle bezogen; 18 % der importierten Kraftwerkskohle (thermische Kohle) kommen ebenfalls aus Kolumbien (Verein Der Kohleimporteure 2018: 20).

Die Miene El Cerrejon

Der Tagebau El Cerrejón in der nördlichen Provinz La Guajira ist mit etwa 31 Millionen Tonnen jährlich (Stand 2018, vgl. Manrique Galvis & Olivares Rivera 2019) der wichtigste Kohleproduzent in Kolumbien. Gefolgt wird er von den Minen des Konzernes Drummond El Descanso (ca. 22 Millionen Tonnen in 2018) und La Loma (ca. 9 Millionen Tonnen in 2018) in der südlich angrenzenden Provinz El Cesár (vgl. ebd.). Das Konzessionsgebiet von El Cerrejón beträgt 69.000 Hektar und reißt ein braunes Loch in die Landschaft, da die enormen Landflächen von Vegetation und Böden befreit werden, bevor der Abbau der Kohle beginnen kann. Momentan wird auf ca. 17.000 Hektar Kohle abgebaut (Suhner 2015: 4). Diese Fläche ist größer als das Staatsgebiet Liechtensteins (16 000h; vgl. Amt für Statistik 2017: 4). Ca. 60 % der gesamten kolumbianischen Produktion und ca. 50 % der jährlichen Exporte (Environmental Justice Atlas, Zugriff: 23.05.2019) werden in El Cerrejón generiert. Seit 1986 wird in dieser Mine Kohle gewonnen, die bis 2001 teilweise in staatlicher Hand war. Seitdem gehört die Mine zu je einem Drittel den Konzernen Anglo American (UK), BHP Billiton (Australien) und Glencore (Schweiz) (vgl. cerrejon.com; Environmental Justice Atlas,  Zugriff: 23.05.2019). Die Freilegung der Kohleschichten und die damit verbundenen ökologischen sowie sozialen Probleme haben enorme Auswirkungen sowohl auf die lokale Bevölkerung als auch auf die Umwelt (vgl. Suhner 2015: 4). Im Environmental Justice Atlas sind in ganz Kolumbien über 50 umweltpolitische Konflikte in Bezug auf Bergbau gelistet, einer davon ist der Konflikt um die Mine El Cerrejón. Dazu kommen noch Wasserkonflikte um die geplanten Umleitungen der Flüsse Río Rancheria und Arroyo Bruno. In all diesen Konflikten sind indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften am stärksten betroffen (Environmental Justice Atlas, Zugriff: 23.05.2019). Mit diesen Themen, neben vielen anderen, haben wir uns auf unserer Exkursion beschäftigt und hatten sogar die Chance, die Mine El Cerrejón zu besuchen.

https://ejatlas.org/conflict/el-cerrejon-mine-colombia 

Zum Weiterlesen:
Eberle, L. (2018): Ende des Bergbaus. „Man hat gedacht, man könnte die Natur beherrschen“. Erschienen auf Spiegel.de. Letzter Zugriff: 23.05.2019.
Download des Abschlussberichtes der Kohlekommission kann hier vorgenommen werden. www.kohlenimporteure.de
Kohleinfoheft des Steinkohleverbandes: http://www.steinkohleverband.de/site/bildungsmedien/Kohleheft.pdf
Klute, Jürgen (2018): Das Ende des Ruhrbergbaus 2018. Zugriff: https://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/das-ende-des-ruhrbergbaus-2018/. Letzter Zugriff: 25.07.2019.
Klute, Jürgen (2014): Woher kommt die Kraftwerkskohle? https://www.ruhrbarone.de/woher-kommt-die-kraftwerkskohle/88116. Zugriff: 25.07.2019.

Besuch in der Kohlemine El Cerrejón

                    

Am 12. Tag unserer Exkursion nach Kolumbien haben wir eine der größten Steinkohletagebauminen der Welt besucht. Unser Besuch war in vier Teile aufgeteilt: als erstes haben wir das Informationszentrum besucht und sind von dort aus weiter zu einer Aussichtsplattform mit Blick auf eine der Kohlegruben gefahren. Anschließend ging es in ein vom Unternehmen renaturiertes Abbaugebiet und zum Abschluss in die Tieraufzuchtstation der Mine. Im Informationszentrum bekamen wir einen ersten Überblick über die Geschichte und die Vorgänge in der Mine. Alle in diesem Text erwähnten Informationen erhielten wir während unseres Besuches.

Einen ersten Eindruck über die Ausmaße des Kohleabbaus in der Mine bekamen wir beim Vorbeifahren eines der Züge, die täglich tausende von Tonnen Kohle von der Mine in den Küstenhafen Bolivar bringen. Von dort aus wird die Kohle in die ganze Welt verschifft. Der längste Zug besteht aus 150 Waggons, von denen jeder bis zu 110 Tonnen Kohle transportieren kann. Dieser muss aufgrund seines Gewichts von 2 Loks gezogen werden. Auf den 190 km Strecke von El Cerrejón nach Bolivar fahren täglich acht bis neun Züge. Die Waggons werden von oben durch Silos beladen und nach unten auf den Schiffen entladen. Pro Stunde werden ca. 17.000 Tonnen Steinkohle abgebaut, sodass das effektive Beladungssystem von 45 Sekunden pro Waggon notwendig ist.

Auf dem Weg zu einer Kohlegrube kamen wir an Unterkünften, Lagerhallen, Bürogebäuden und Instandhaltungsanlagen der Mine vorbei. Es gibt einen künstlich angelegten See, der durch Regen und Bachwasser gespeist wird. Dieser wird für das Naturmonitoring sowie als Reservoir für die Mine genutzt. In einer Wasserwiederaufbereitungsanlage werden täglich 500.000 m3 Trinkwasser produziert. Eine Instandhaltungswerkstatt für die Züge und Schienen hält den Bahnbetrieb am Laufen. In den Wohnbereichen haben bis zu 2.200 Arbeiter*innen mit ihren Familien Platz. Insgesamt beschäftigt die Mine rund 12.000 Menschen, von denen etwa 900 Frauen und 219 Wayuu sind. Für den Abbau wichtige Fahrzeuge, wie Traktoren, LKWs, die bis zu 320 Tonnen Gewicht transportieren können, Bagger oder Mörsermaschinen konnten immer wieder vom Bus aus beobachtet werden.

Abb. 3: Kohlegrube Tajo Patilla. Eigene Aufnahme

Wir fuhren zu der größtenteils ausgeschöpften Grube Tajo Patilla. Mit einer Größe von 10 x 3 km und einer Tiefe von 250 m ist sie nur eine von insgesamt 7 aktiven Abbaugebieten der Mine. Die Kohle aus El Cerrejón soll zu den qualitätsmäßig besten der Welt gehören, mit einem hohen Kohlenstoffanteil, geringer Ascheentwicklung und einem geringen Schwefelanteil. El Cerrejón befindet sich im Norden Kolumbiens in den Gemeinden Hatonuevo, Albania und Barrancas. Auf einzelnen Terrassen, auf denen früher auch Kohle abgebaut wurde, finden sich jetzt Weidegräser und Bäume. Vor dem Abbau wird ein Inventar der Fauna gemacht und in Gebiete umgesiedelt, die nicht vom Bergbau betroffen sind. Daraufhin wir die Fläche der zukünftigen Kohlegrube entwaldet und das Holz an umliegende Gemeinden übergeben. Die obersten Bodenschichten werden abgetragen und gelagert, da sie von großer Wichtigkeit für die spätere Renaturierung sind. Nach der Abtragung fangen die Bohrungen und die täglich stattfindenden Sprengungen an, um das Gestein zu lockern und zu zerkleinern, um so an die Kohle zu kommen. Der Abbau erfolgt von Norden nach Süden und wird in dieser Grube noch zwei Jahre anhalten, bevor sie ausgeschöpft ist.

Die erste Grube der Mine mit einer Größe von 8 x 3 km und 200 m Tiefe ist bereits renaturiert. Zuerst wurde sie wieder aufgefüllt, mit der 40 cm tiefen, zuvor abgetragenen und gelagerten Bodenschicht bedeckt und anschließend bepflanzt. In der Region heimische Tiere, wie Kaninchen, Bergratten, Vögel, Schlangen, Jaguare und Iguanas wurden wieder angesiedelt. In dem Rehabilitationszentrum der Mine werden viele Tiere gesundgepflegt und im besten Fall danach wieder ausgewildert. Diese Tiere kommen dorthin, wenn sie alleine in der Natur nicht überleben könnten oder in privaten Händen schlecht gepflegt wurden.  In den letzten 25 Jahren wurden bereits 3.000 h renaturiert und weitere 4.000 ha sind in Planung. Bis zum derzeitigen Ende der Lizenzen 2033 soll das gesamte Gebiet renaturiert werden.

Abb. 4: Renaturiertes Gebiet. Eigene Aufnahme

In der Mine El Cerrejón ist die Staubentwicklung und die damit einhergehende Belastung für umliegende Gemeinden ein Problem. An beiden Seiten der ungeteerten Straßen befinden sich kleine Hügel, um den Staub der Fahrzeuge einzudämmen und die Umgebung zu schützen. Eine weitere Maßnahme gegen die Staubentwicklung ist die Bewässerung der Straßen durch spezielle LKWs mit Wasser, welches bereits durch den Kohleabbau kontaminiert ist und deshalb anderweitig nicht vom Menschen genutzt werden kann. Das Wasser wird mit Öl der afrikanischen Ölpalme gemischt, um den Staub besser binden zu können und den Boden länger feucht zu halten. Auf dem Minengelände wird Wasserdampf in die Luft gesprüht, um den Staub aufzufangen. Es gibt ein Messsystem zur ständigen Überwachung der Luftverschmutzung. In den umliegenden Gemeinden werden Luftmessungen zur Feststellung der Höhe der Luftverschmutzung, der Intensität und der Korngröße durchgeführt. Diese Messungen werden von den Gemeinden selbst durchgeführt.

Auf dem heutigen Gebiet der Mine standen früher fünf Dörfer, die alle im Laufe der Zeit umgesiedelt wurden. Diese Dörfer waren Roche, Chancleta, Tamaquito, Las Casitas und Patilla. Die umgesiedelten Gemeinden hatten laut Unternehmensaussage die Möglichkeit, ihre Häuser und Grundstücke selbst zu entwerfen und an einen selbst bestimmten Ort zu ziehen. Alle Familien sollen ein neues Haus und eine bestimmte Hektarzahl bekommen haben. Die Gemeinden werden durch ein Wasserkraftwerk mit Wasser versorgt. Jeder der Betroffenen hat einen Anspruch auf einen Arbeitsplatz in der Mine und auf Stipendien für alle Studiengänge und Unis, was von etwa hundert Menschen in Anspruch genommen wird. Wer seinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz im Unternehmen einlösen möchte muss einen Schulabschluss haben, spezielle Prüfungen bestehen und sich den Gesundheitsuntersuchungen unterziehen. 60 Menschen der 125 umgesiedelten Familien bekommen eine „Rente“ von El Cerrejón. Die finanzielle Unterstützung soll den Menschen eine Starthilfe geben, um sich in ihrem neuen Zuhause ein unabhängiges Leben aufzubauen. Es gibt verschiedene Sozial-, Kultur- und Gesundheitsprojekte, um die Auswirkungen der Umsiedlung gering zu halten.

Auch für die Angestellten der Mine und deren Familien gibt es verschiedene Bildungs- und Gesundheitsprogramme. Die Kinder haben ein Anrecht auf Schule und Universität und die Angestellten auf Fort- und Weiterbildungen. Laut El Cerrejón sind die Arbeiter*innen nicht von Luftverschmutzung und damit einhergehenden Lungenkrankheiten betroffen, sondern nur von Rückenproblemen und durch die schweren Maschinen verursachte Beschwerden (à Gesundheitliche Belastungen durch El Cerrejón).

Kritische Reflexion des Besuches

Eine der größten Steinkohletagebauminen der Welt zu besichtigen ist ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Von den beiden uns zur Seite gestellten Mitarbeitern haben wir viele Informationen über die Mine und deren Abläufe erfahren. Zu Beginn im Infozentrum gab es erstmal einen groben Überblick über die Geschichte und statistischen Daten der Mine, z.B. wann wer die Mine besessen hat, wie viel Kohle abgebaut wird und wie viele der Mitarbeiter Wayuu sind. Hier ist alles sehr modern und attraktiv gestaltet und es sind viele positive Fakten zu der Mine zu lesen. Bei unserem Besuch hatten wir leider nicht die Möglichkeit, eine aktive Kohlegrube zu besuchen, sondern sind nur zu einer fast ausgeschöpften Grube gefahren, bei welcher man nur sehr wenig Einblick in den eigentlichen Abbau bekommen hat. Einen größeren Teil unseres Besuchs haben die Stationen im Renaturierungsgebiet und beim Fauna Rehabilitationszentrum eingenommen, in welchen hauptsächlich die positiven Aktionen der Mine vorgestellt wurden.

Die Mine weißt bereits in ihrem Namen „El Cerrejón – Minería Responsable“, übersetzt „El Cerrejón – verantwortungsbewusster Bergbau“, darauf hin, dass sie großen Wert darauf legt verantwortungsvoll zu handeln. Auf den ersten Blick sieht es auch danach aus. Es werden verschiedene Maßnahmen getroffen, um die Staubentwicklung einzudämmen, und die Luftverschmutzung wird auf dem Gelände und in den umliegenden Gemeinden gemessen. Das Problem dran ist nur, dass sich in Gesprächen, die wir mit Mitgliedern von umliegenden Gemeinden geführt haben, herausgestellt hat, dass es in diesen Gemeinden teilweise niemanden gibt, der die Messstationen bedienen kann (siehe Umsiedlung der afrokolumbianischen Gemeinschaft Roche und Tamaquito).

Während die Mine die derzeitige Lage der umgesiedelten Gemeinden als sehr positiv darstellt, wurden bei Gesprächen mit diesen deutlich, dass es an vielen Punkten mangelte. Laut der Mine haben alle umgesiedelten Gemeinden einen dauerhaften Zugang zu Wasser durch ein Wasserkraftwerk, die Betroffenen sprechen jedoch von nur ein bis zweimal pro Woche (siehe Tamaquito).  

Bei Nachfragen zum Thema der Gemeinde Roche und deren Problemen (siehe Roche) wurde daraufhin gewiesen, dass dies die erste Umsiedlung einer Gemeinde war und daraus für spätere Umsiedlungen gelernt wurde. Auf die Frage nach der hohen Luftverschmutzung in Roche bekamen wir als Antwort, dass die Gemeinde hinter Barrancas liegt und dementsprechend nicht so stark betroffen sei. Die mangelnde Stromversorgung wird damit gerechtfertigt, dass die Menschen vorher auch keinen Strom hatten. Auf die Kritik der Gemeinde, dass die finanzielle Hilfe mittlerweile eingestellt wurde, wurde geantwortet, dass diese von vorneherein lediglich als eine Art Starthilfe gedacht war und es nicht möglich sei, die Gemeinden auf Dauer zu finanzieren.

Zum Thema der gesundheitlichen Auswirkungen des Abbaus wurden uns von Seiten der Mine sehr wenige Informationen gegeben. Die Mine behauptet, dass es bei Angestellten keine von der Luftverschmutzung verursachten Lungenkrankheiten gäbe. Als einzige Auswirkungen der Arbeit in der Mine werden Rückenprobleme und durch die schweren Maschinen verursachte Beschwerden genannt. Bei der Gewerkschaft Sintracarbon und in verschiedenen Studien ist jedoch nachgewiesen, dass die gesundheitlichen Auswirkungen sowohl für die Arbeiter*innen als auch für Anwohner sehr viel höher sind (siehe Gesundheitliche Belastungen durch El Cerrejón).

Besuch bei Sintracarbon

An unserem 13. Exkursionstag besuchten wir die Gewerkschaft Sintracarbon. Sintracarbon ist die größte Gewerkschaft in La Guajira. Insgesamt umfasst sie 2.000 Gewerkschafter*innen. In Kolumbien wurden in den letzten 20 Jahren insgesamt 2.500 Gewerkschafter*innen zu Opfern von Morden, bedingt durch einen nach wie vor beständigen Konflikt (dazu mehr in Kapitel 8.6. „Stop murdering social leaders“) (vgl. Amnesty-International o.D.). Die Gewerkschafter*innen von Sintracarbon erheben ihre Stimme gegen die Ungerechtigkeit, die in La Guajira durch den Kohleabbau der Mine El Cerrejón herrscht. Dabei setzen sie sich vor allem für die Rechte der Mitarbeiter*innen der Mine ein (vgl. Sintracarbon). Umweltverschmutzungen, gesundheitliche Schäden, Umleitungen von lebenswichtigen Flüssen sind dabei nur einige Aspekte, die die Miene zur Folge hat. Hinzu kommt der Fakt, dass die abgebaute Kohle fast ausschließlich für den Export bestimmt ist.

Wir hatten die Möglichkeit, mit mehreren Mitarbeitern und ehemaligen Mitarbeitern der Miene von El Cerrejón in La Guajira zu sprechen, die der Gewerkschaft Sintracarbon angehören. Wir hatten viele Fragen an die Menschen, die uns alle offenherzig beantwortet wurden. Unter anderem hat uns interessiert, wie das Leben als Gewerkschafter*in ist. Einer der Männer erzählte uns, dass sie sich in einer schwierigen Situation befänden. Sie würden verfolgt und stünden in einem ständigen Konflikt mit dem kolumbianischen Militär und paramilitärischen Gruppen. Durch den Friedensvertrag seien die Ursachen nicht verschwunden. Es herrsche ein Klassenkampf und es sei schwierig, die eigenen Interessen zu verteidigen. Die Gewerkschafter seien überzeugt davon, dass Kolumbien einen echten Frieden benötige, denn hierbei ginge es um Land und Wasser. Zwei wichtige Güter, die besonders in der Region La Guajira einen besonders hohen Stellenwert haben.

Abb. 5: Im Gespräch mit der Gewerkschaft Sintracabon. (Eigene Aufnahme)

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Mine El Cerrejón berichtete uns von seiner Zeit als Arbeitskraft in der Miene. Er erzählte uns, dass es früher in der Region kaum andere Möglichkeiten gegeben habe, als in der Miene zu arbeiten. In den 1980er Jahren waren ca. 86% der Einwohner*innen aus Guajira in der Landwirtschaft beschäftigt. Heute sei es genau andersherum. Heute seien ca. 96% in der Kohlemiene von El Cerrejón beschäftigt. Er selber erkrankte im Laufe der Jahre an mehreren Krankheiten, die, wie er selbst sagte, durch die Arbeit in der Kohlemiene ausgelöst wurden. Unter anderen litt er an einer Gastritis, Lungenproblemen, Gehörschäden, Knieproblemen und Rücken- und Schulterproblemen. Seine Beschwerden im Rücken seien durch die Vibrationen der Maschinen, die höher als erlaubt seien, ausgelöst worden. Durch den ständigen Schichtwechsel von Tag- zu Nachtschicht, wobei eine Schicht dort 12 Stunden andauere (der Arbeitsweg nicht eingerechnet), würden viele psychische und physische Krankheiten hervorgerufen werden. 150 Mitarbeiter*innen der Miene haben sich bereits aufgrund von Arbeitskrankheiten frühzeitig pensionieren lassen. Jedoch gebe es in der Umgebung von Guajira keine Ärzte, die die Krankheiten der Mitarbeiter*innen als eindeutige Folgen der Arbeit in der Miene ausschreiben. Laut Aussage des ehemaligen Mienenarbeiters habe El Cerrejón einen Arzt für unglaubwürdig dargestellt, der den Zusammenhang zwischen der Arbeit in der Miene und den aufgetauchten gesundheitlichen Folgen bestätigt habe. Verschiedene Ärzte aus anderen Ländern und Studien belegten allerdings, dass ein klarer Zusammenhang bestehe. So sagte kürzlich ein Arzt aus den USA vorher, dass La Guajira eine Epidemie einer Lungenkrankheit, die nach 40 Jahren ausbreche, ausgelöst durch das bei einer Sprengung freigetretene Silizium, haben werde. Es gebe bereits 14 Fälle dieser bestimmten Krankheit in Guajira. Die Substanz Silizium könne von dem Luftfluss 45 km weit getragen werden. Dies könne ein Grund dafür sein, dass Länder wie Deutschland trotz des eigenen Vorkommens Kohle importieren – um das Gesundheitsrisiko der eigenen Bevölkerung zu minimieren. Eine Studie aus Spanien beweist, dass Menschen, die in der Nähe einer Kohlemiene wohnen, ein prägnant höheres Krebsrisiko aufweisen. Der Mann erzählte uns dazu, dass in den umliegenden Comunidades 4-5 Menschen pro Monat dem Krebs erliegen. Zum Vergleich sagte er uns, dass früher die Statistik bei einer Person pro Jahr lag. Die Umleitung von Flüssen ist ein weiterer Aspekt, von dem uns die Gewerkschafter erzählen. Seit Inbetriebnahme der Miene sind 22 kleinere Flüsse und 8 Lagunen verschwunden. Weitere Flüsse, wie der Fluss Arroyo Bruno, sollen zugunsten der Miene umgeleitet werden. Die Gewerkschafter betonen ihren Einspruch gegen die Umleitung von überlebenswichtigen Wasserquellen für viele Gemeinden rund um die betroffenen Flüsse.  

Quelle: Mündliche Erzählungen der Gewerkschafter von Sintracarbon.

Gesundheitliche Belastungen durch El Cerrejón

Im folgenden Kapitel sollen die gesundheitlichen Belastungen durch die Steinkohleförderung in der Mine El Cerrejón thematisiert werden. Wir hatten im Rahmen der Exkursion die Möglichkeit, sowohl mit Vertreterinnen der Mine, als auch mit Mitgliedern der Gewerkschaft Sintracarbon zu sprechen und sind dabei auf relativ konträre Äußerungen bezüglich der Belastung gestoßen.

Die Folgen des Kohleabbaus werden unter anderem in der „Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika“ (ila) von Oktober 2015 behandelt. Täglich werden in der Mine Sprengungen mit gravierenden Folgen für die Umwelt durchgeführt, um an die auf dem Weltmarkt gefragte Steinkohle zu gelangen. Die Änderungen der Vegetation würden die Erosion fördern, den Wasserhaushalt negativ beeinflussen und die Luftqualität verschlechtern (Suhner 2015: 4). La Guajira ist eine Region, die ziemlich trocken ist. Durch den Kohleabbau wird die Wasserknappheit noch deutlicher verstärkt wird. Das Hilfswerk Misereor nennt tägliche Verbrauchszahlen von 17 Millionen Litern Wasser in der Mine, wohingegen die Menschen der Region mit 0,7 Litern Wasser am Tag auskommen müssen (Misereor 2017: 2). Die Bergbauunternehmen haben (größtenteils mit der Genehmigung von Umweltbehörden) Flüsse umgeleitet und vielen lokalen Gemeinschaften somit den Zugang zu dem Flusswasser verwehrt. Darüber hinaus seien Oberflächengewässer durch den Kohleabbau großflächig verschmutzt worden. Als Ursachen werden Auswaschungen aus den Abraumhalden, Abwässer der Minen und Maschinen sowie Staubeintrag genannt. Zudem sei der Grundwasserspiegel gesunken und Beschwerden der lokalen Bevölkerung wegen der Qualität des Grundwassers laut geworden (Suhner 2015: 4). Der durch den Bergbau erschwerte Zugang zu sauberem Wasser, sowie der enorme Verbrauch durch die Mine würden zu einem Wassermangel in der Region führen und somit die Unterernährung lokaler Gemeinschaften fördern (Misereor 2017: 2). Ein weiteres mit dem Steinkohleabbau verbundenes Problem stellt die Staubbelastung der Luft dar, die durch die täglichen Sprengungen, die Bearbeitung der Kohle und die Fahrzeuge auf den unbefestigten Straßen entsteht. Die Messwerte von El Cerrejón würden zwar in der Regel die kolumbianischen Grenzwerte bezüglich der Feinstaubbelastung erfüllen, die Standards von Weltgesundheitsorganisationen hingegen häufig nicht (genaue Zahlen zur Feinstaubbelastung in der Region unter www.cerrejon.com). In dem Bericht der ila wird dem Unternehmen in dem Zusammenhang vorgeworfen, die Messungen an Standorten durchzuführen, an denen die Belastung, beispielsweise durch bestimmte Windrichtungen, vergleichsweise gering ist (Suhner 2015: 4). Ähnliches erzählten uns auch die Gewerkschafter von Sintracarbon. Das Unternehmen hätte viele Zertifikate für Umwelt- und Arbeitssicherheit erhalten, jedoch würden diese nur auf erfundenen Messwerten basieren. Tatsächlich sei die Luftverschmutzung omnipräsent und würde sich schon bei einem Blick auf die Staubablagerungen in den Klimaanlagen zeigen. Die Arbeiter*innen in der Mine sowie die in unmittelbarer Nähe zur Mine lebenden Dorfgemeinschaften hätten daher häufig mit Lungenproblemen, aber auch mit Schlafstörungen, Haut- und Augenreizungen zu kämpfen (Mündliche Erzählungen der Gewerkschafter von Sintracarbon). Eine Studie von zwei Universitäten würde dies laut Misereor bestätigen. Besonders bei Kindern und alten Menschen seien diese Symptome zu beobachten (Paasch 2018).

Die Vertreterinnen von El Cerrejón hingegen berichteten, dass von dem Bergbau keine außergewöhnliche Luftverschmutzung ausgehen würde. Es gebe auf dem ganzen Gelände der Mine ein Messsystem für die Luftqualität, welches ständig überwacht werde. Sollte es zu einer Grenzüberschreitung kommen, würde man sofort einen Produktionsstopp in die Wege leiten. Vor etwa vier Jahren habe es einen solchen Produktionsstopp gegeben, da es aufgrund einer längeren Trockenperiode im Sommer zu extremer Staubentwicklung gekommen sei. Es gebe daher auch kein erhöhtes Risiko von Lungenkrankheiten, die einzigen körperlichen Probleme würden durch die schwere Arbeit mit den Maschinen ausgelöst werden und ausschließlich den Rücken betreffen. Den Arbeitskräften seien deshalb Präventionsübungen gezeigt und aktive Pausen genehmigt worden, um den Rückenproblemen vorzubeugen. (Mündliche Erzählungen der Vertreterinnen der Mine El Cerrejón)

Auch in diesem Zusammenhang gibt es von den Gewerkschaftern Manipulationsvorwürfe gegenüber El Cerrejón. Das Unternehmen würde Ärzte beeinflussen, sodass diese häufig bei gesundheitlichen Problemen der Arbeiter*innen keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen würden. Der Gewerkschaft fehle es diesbezüglich jedoch an konkreten Beweisen. Generell haben sie von sehr schlechten Arbeitsbedingungen der Angestellten berichtet und diese Missstände in Bogotá angeklagt. Sie würden versuchen, die Arbeitsrechte der Angestellten zu verbessern und durchzusetzen, dass die Arbeit in der Mine den Status als „Hochrisikojob“ erhält (à mehr zu den Arbeitsbedingungen in der Mine bei Besuch bei Sintracarbon).

Generell gebe es viel zu wenige zuverlässige und unabhängige Studien über die Umweltbelastung des Bergbaus in La Guajira und die damit verbundenen gesundheitlichen Folgen für die lokale Bevölkerung. Es fehle zudem an Vergleichswerten über die Verhältnisse vor dem Kohleabbau, sodass die Bergbauunternehmen andere Gründe für die schlechte gesundheitliche Verfassung der Menschen vor Ort anführen und damit die Schuld von sich weisen würden (Suhner 2015: 4).

Das Thema der gesundheitlichen Belastung durch den Steinkohleabbau im Norden Kolumbiens bedarf weiterer unabhängiger Forschung. Hilfsorganisationen und Gewerkschaften fehlen die Beweise für ihre Vorwürfe vermutlich auch deshalb, weil El Cerrejón großen Einfluss in der Region besitzt und vieles kontrolliert. Selbst wenn diese Beweise existieren würden, müsste das Thema international publik gemacht werden, damit sich für die Menschen in der Region etwas ändern kann.

Weiterführende Links:
Mayer, Till (2017): Die dunkle Seite der Energiewende. https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-und-die-energiewende-wie-laender-wie-kolumbien-dafuer-zahlen-a-1127332.html, letzter Zugriff 26. Mai 2019.

Cerrejon: Data from Representative Stations. https://www.cerrejon.com/index.php/desarrollo-sostenible/medio-ambiente/indicadores-ambientales/indicadores-de-calidad-del-aire/?lang=en, letzter Zugriff 1. August 2019.

„Stop murdering social Leaders“

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden mehr als 2.500 Gewerkschafter*innen in Kolumbien ermordet. Über 100 sind spurlos verschwunden. Doch Verantwortliche, die zur Rechenschaft für ihre Taten gezogen wurden, gab es in über 90% der Fälle nicht. Neben Guerilla-Gruppen, die für die Morde verantwortlich seien, sollen es auch koordinierte militärische-paramilitärische Strategien sein, die die Gewerkschafter*innen sowohl physisch als auch psychisch bedrohen (vgl. Amnesty-International o.D.). Auch die Gewerkschafter der Sintracarbon erzählen uns von einer gefährlichen Situation in Kolumbien, in der sie sich aktuell befinden. Nicht nur die mündlichen Erzählungen der Gewerkschafter machen einen aufmerksam auf die Stellung und Situation von Gewerkschafter*innen in einem Land wie Kolumbien, im Internet findet man mehrere Artikel über dieses Thema. Es wird von Todesdrohungen berichtet, und dass sich Gewerkschafter*innen nur noch mit Bodyguards an ihrer Seite aus dem Haus trauen. Auch dem Chef der Gewerkschaft Sintracarbon Igor Díaz wurde am Telefon mit dem Tod gedroht. Nur wenige würden wissen, wo sich Igor Díaz aufhalte, Treffen und Reiserouten müsse er aufgrund der Bedrohungen ständig ändern (vgl. Endres, A. 2013). „Als Gewerkschafter muss man in diesem Land ein Held sein“, erzählt ein Mitglied von Sintracarbon (vgl. Endres, A. 2013). Doch wieso müssen Gewerkschafter*innen in Kolumbien „Helden“ sein, wobei sie keine Straftaten ausüben, sondern sich für die Rechte der Gesellschaft und Arbeiter*innen einsetzen? In einem Land wie Kolumbien, in denen die Menschenrechte ebenso gelten, wie in anderen Ländern. Kolumbien war eines der 51 Gründungsstaaten, die 1945 die United Nation (kurz UN) ins Leben gerufen haben. Heute umfasst die UN 193 Staaten und damit nahezu alle Staaten der Welt. Unter anderem wurden die allgemein geltenden Menschenrechte von der UN kodifiziert (vgl. United Nations). Dabei besagt Artikel 3 der Menschenrechte, dass jeder das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person habe. Weiter bringt Artikel 23 zum Ausdruck, dass „jeder das Recht hat, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.“ (ebd.). Drohungen und Eingriffe in das Privatleben der Gewerkschafter sind in Artikel 12 besiegelt. Laut Artikel 12 der Menschenrechte „darf niemand willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben (…) oder Beeinträchtigung seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt sein. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“ (ebd.). Doch auf Schutz durch den Staat warten viele Gewerkschafter in Kolumbien vergebens… Trotz der allgemein geltenden Menschenrechte müssen neben den vielen Gewerkschafter*innen in Kolumbien auch Menschenrechtsaktivist*innen, Journalist*innen und Mitglieder religiöser oder humanitärer Organisationen in Ungewissheit und Bedrohung leben (vgl. Kolumbiengruppe 2000). Es scheint noch ein langer Weg zu sein, bis der wirkliche Frieden in Kolumbien einkehren kann und die Menschenrechte vollständig respektiert werden.

Abb. 5: Spruch in einem Fenster in Bogotá. Eigene Aufnahme.

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Verteilung der elektrischen Energiequellen im Jahr 2017. Quelle: Ministerio de Minas y Energía; Unidad de Planeación Minero Energética, upme (2018): Boletín Estadística de Minas y Energía. 2016 – 2018. S. 81.
Tabelle 1: Steinkohleimport Deutschland. Eigene Darstellung. Quelle: Statistisches Bundesamt (2019): Außenhandel. Zusammenfassende Übersichten für den Außenhandel (vorläufige Ergebnisse) 2018. Zugriff: 23.05.2019.
Abb. 3: Kohlegrube Tajo Patilla. Eigene Aufnahme.
Abb. 4: Rentauriertes Gebiet. Eigene Aufnahme.
Abb. 5: Spruch in einem Fenstern in Bogotá. Eigene Aufnahme.