Afrokolumbianische Gemeinschaften im Cauca und deren Organisation

Afrokolumbianische Gemeinschaften im Cauca und deren Organisation

Afrokolumbianische Gemeinschaften im Cauca und deren Organisation

Julia Kroschel, Joana Külper, Alina Millahn

Im Laufe dieser Kapitel wird oft der Terminus „Afrokolumbianer*in“ verwendet. Dieser Begriff wird durch das „Departamento Administrativo Nacional de Estadística“ (Nationales administratives Department für Statistik, Dane) genutzt, um eine Person zu definieren, welche „anerkannter afrikanischer Abstammung ist und kulturelle Merkmale besitzt, welche einzigartig in der Gruppe der Menschen sind. Eingeschlossen in diese Gruppe sind Palenqueros de San Basilio (entflohene, ehemals versklavte Menschen, welche sogenannte palenques, also Wehranlagen aus Holzpfählen, errichtet haben), Schwarze und People of Colour“ (selbstständige Übersetzung, aus dem Dane Bericht1). Dieser Begriff wird vom kolumbianischen Staat als politisch korrekt anerkannt, allerdings nicht zwangsweise als Selbstbezeichnung durch die betroffenen Personen verwendet.

Kolumbien ist auf politisch-administrativer Ebene in 32 sogenannte departamentos aufgeteilt, die weiterhin in 1101 Munizipien (Gemeinden) unterteilt werden (Dane 2012). Eines dieser Munizipien ist Puerto Tejada, in welchem wir im Rahmen unserer Exkursion eine afrokolumbianische Gemeinschaft besucht haben. Diese soll in diesem Beitrag als Beispiel dienen, um verschiedene Organisationsprozesse afrokolumbianischer Gemeinden zu verstehen. Um diese besser nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, sich zuerst einen Überblick über die nationalen Organisationsprozesse schwarzer Gemeinden im gesamten Land zu verschaffen.

Abb.1: Das Department Cauca und die Gemeinde Puerto Tejada (Eigene Darstellung)

 “Nos auto convocamos para actuar conjuntamente y seguir apostándole desde nuestros sueños y anhelos a la construcción de nuestro proyecto de vida como pueblo y a la negociación política del conflicto colombiano, como única opción de construcción de una sociedad con democracia, real diversa…, con dignidad y justicia para todas y todos”

“Wir rufen uns selbst auf, gemeinsam zu handeln und weiterhin auf unsere Träume und Sehnsüchte des Aufbaus unseres Lebensprojekts als Volk und auf die politische Verhandlung des kolumbianischen Konflikts zu setzen, als die einzige Option für den Aufbau einer Gesellschaft mit Demokratie, die wirklich vielfältig ist…., mit Würde und Gerechtigkeit für alle und jeden” (C.N.O.A., eigene Übersetzung).

Hier geht es zur offiziellen Website der C.N.O.A.

So beschreibt die Conferencia Nacional de Organizaciones Afrocolombianas (C.N.O.A.) ihre gemeinsame politische Agenda, die aus der Gründung im Jahr 2002 hervorgegangen ist. In der C.N.O.A. kommen mehr als 270 Organisationen und Netzwerke auf nationaler Ebene zusammen, deren Mission es ist, sich für die Menschenrechte des afrokolumbianischen Volkes und dessen gemeinsame Interessen einzusetzen. Außerdem verbindet sie die verschiedenen Initiativen afrokolumbianischer Organisationen durch Kapazitätsaufbau sowohl im politischen und legislativen Bereich, in der organisatorischen Stärkung und in der strategischen Kommunikation als auch in Angelegenheiten um Territorium und Territorialität.

Die Organisationen, die Teil dieses Zusammenschlusses sind, werden auf regionaler Ebene nach Mingas gruppiert (vgl. CNOA). Darunter zählt unter anderem die Unidad de Organizaciónes Afrocaucanas (UOAFROC), welche 2003 gegründet wurde. Die UOAFROC ist eine gemeinnützige, nichtstaatliche Organisation für soziale Entwicklung, deren Grundsatz auf der Verteidigung des Territoriums, der Sicherheit und der Selbstbestimmung basiert. Dabei tragen sie dazu bei, dass die Forderungen nach ethnischen, politischen, kulturellen, ökonomischen und wirtschaftlichen Rechten, welche zur Verbesserung der Lebensstandards der Gemeinschaften beitragen sollen, durchgesetzt werden. Dies geschieht zum Beispiel durch Management, Zusammenarbeit und Selbstverwaltung mit den eigenen Ressourcen, aber auch durch strategische Kooperationen.

Hier geht es zur offiziellen Website:
https://uoafrocauca.wixsite.com/pagina-uoafroc
Siehe auch: Facebook

Die nördliche Region des Caucas wird seit der Kolonialisierung und der Verschleppung afrikanischer Sklaven nach Südamerika traditionell von schwarzen Bevölkerungsgruppen bewohnt. Die Bedeutung der Region im Kontext der kolonialen Gesellschaft, die anschließende Umsetzung eines kapitalistischen Entwicklungsmodells im Zusammenhang mit der Zuckerrohrindustrie und die Organisationsprozesse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, trugen zur Entwicklung des nördlichen Departement Caucas bei. Dabei ließ sich dort vor allem die schwarze Bevölkerung nieder und erwarb sowohl eine gewisse Sichtbarkeit im Vorstellungsbild der kolumbianischen Gesellschaft als auch eine gewisse Relevanz im akademischen Bereich. Während sich die Organisationsprozesse in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Rest des Landes positiv weiterentwickelten, schienen sich die organisatorischen Dynamiken im Cauca allerdings in eine entgegengesetzte Richtung zu entwickeln. Vor allem in der Pazifikregion, welche in dieser Hinsicht als Paradebeispiel für die Afrokolumbianer*innen gilt, haben die Organisationsprozesse der ländlichen Bevölkerung seit den 80er Jahren bedeutend zugenommen. Besonders nach der Verfassungsänderung von 1991 erlebten diese einen ungewöhnlichen Boom. Die Dynamiken der Organisationsprozesse im nördlichen Cauca schienen dagegen schwächer zu werden (vgl. Muños; Rojas 2012: 5f.).

Zu beachten ist, dass die Organisationsformen und deren Zustandekommen in ihrer ganzen Komplexität nur sehr schwer darstellbar sind, und es in diesem Rahmen nicht möglich ist, alle Aspekte zu beleuchten.  Gegenwärtig findet ein Wiederaufleben der politischen Aktivität in der Region statt. Dabei spielt beispielsweise bei den Prozessen der Verteidigung des Territoriums gegen die Interessen und Handlungen großer multinationaler Konzerne insbesondere die Schaffung von Gemeinderäten eine entscheidende Rolle. Sie positionieren sich als die sichtbarsten Akteure der lokalen Gemeinschaften. Dabei sind allerdings nicht nur die inneren Dynamiken der Gemeinderäte von Bedeutung. Auch unzählige andere Faktoren beispielsweise die Art und Weise, wie Gesetze über die Rechte von Menschen afrikanischer Abstammung verabschiedet wurden oder die parteipolitische Zugehörigkeit sind von Bedeutung (vgl. Muños; Rojas 2012: 6). Trotz der Komplexität und des Umfangs der gesamten Prozesse, soll die Gemeinde Puerto Tejada im Folgenden als Beispiel dienen, um einen Einblick in mögliche Organisationsformen zu ermöglichen.

Puerto Tejada gehört sowohl in Bezug auf die Fläche (512 km²) als auch auf die Bevölkerungszahl (2010: 44943 Einwohner) zu den größten Gemeinden im nördlichen Cauca. Die gesamte Region war in der Vergangenheit von einer starken Präsenz schwarzer Menschen gekennzeichnet.  Hier ist es wichtig, den Kontext der Region zu kennen: Das Department Cauca ist in seiner Geschichte stark mit der Versklavung während und nach der spanischen Kolonialzeit verwoben, denn in dieser Region wurden die versklavten Menschen durch die spanischen Kolonialisten zur Arbeit in der Landwirtschaft und im Bergbau gezwungen. Die Entwicklung des Departments ist daher stark mit der kolonialen Gesellschaft und der späteren Einführung eines kapitalistischen Entwicklungsmodels verwoben, welches sich hauptsächlich an die Zuckerrohr-Agrarindustrie richtete (MUÑOZ & ROJAS 2012). Noch bis heute sind die Folgen dieser Zeit deutlich erkennbar. Von den ca. 14% Afrokolumbianer*innen anteilig an der Gesamtbevölkerung (HORA et al. 2017: 68 ff.) leben ca. 22% im Department Cauca. Damit liegt dieses an der fünften Stelle der Departments mit den meisten afrokolumbianischen Einwohner*innen, hinter den Departments Chocó mit ca. 82%, San Andrés mit 57%, Bolívar mit ca. 28% und dem nördlich angrenzenden Valle del Cauca mit ca. 27% (DANE; CIDSE 2010). In Puerto Tejada lag der Anteil der schwarzen Bevölkerung 2010 bei 97,5%, womit die Gemeinde in Hinblick auf die restliche Region die höchste Anzahl an afrokolumbianischen Einwohner*innen hat (DANE in: Muños; Rojas 2012: 8).

Eine der afrokolumbianischen Organisationen in Puerto Tejada ist die Kulturvereinigung Casa del Niño (Asociación Cultural Casa del Niño – ACCN (deutsch: Kulturvereinigung Haus des Kindes)). Der Verein wurde im Jahr 1979 gegründet und arbeitet zu Themen, die er bis heute vertritt. Das Haus (Casa del Niño) ist aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die Kinder der Arbeiter*innen, welche außerhalb der Gemeinde leben, zu versorgen. Dadurch wurde den Eltern in der Gemeinde die Möglichkeit gegeben, in Cali zu arbeiten und einkaufen zu gehen (vgl. Aragon Labrada).  Der Vorstand des Gemeindehauses Arie Felipe Aragon Labrada benennt sechs Programme, die von ihnen umgesetzt werden:

  1. Frauen, Gender und Entwicklung (Machismo)
  2. Kindheit und Jugend
    –>  Ziel ist die Schaffung eines neuen Subjektes in der Region, weil die Gefahr besteht, dass viele Jugendliche zu Kleinkriminellen werden und in den Bürgerkrieg reingezogen werden.
  3. Freizeitkultur und -sport / Bildung
    –> Den Gemeinden soll der Zugang zu Bildung gewährt sein. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es bereits eine Abendschule. Zudem besteht der Traum, eine afrokolumbianische Universität in der Gemeinde entstehen zu lassen. Vor allem die Kultur ist hierbei das wichtigste Standbein.
  4. Wohnen und Gesundheit
    –> zurück zu den Wurzeln: Es wird versucht, verstärkt wieder die traditionelle Medizin zu nutzen.   Ein Ziel ist, dass jede Familie Arzneipflanzen in kleinen Gärten anpflanzt.
  5. Management und Verwaltung
  6. Landwirtschaftliche Produktion und Umwelt
    –> Der Verlust von Ländereien und Kultur treibt die afrokolumbianische Bevölkerung in eine moderne Form der Sklaverei zurück. Somit ist es wichtig, dass die Ländereien besessen und selbstständig verwaltet werden. Zudem setzen sie sich mithilfe von organisierten Widerständen für die Ernährungssicherheit ein.
Abb.2: “Informate” im Casa del Nino mit den sechs Programmen (Eigene Aufnahme)
Abb.3: Der Vorstandsvorsitzende Ariel Felipe Aragon Labrada beim Rundgang über eine der umliegenden Fincas (Eigene Aufnahme)

Hier geht es zur Facebookseite der Asociación Cultural Casa del Niño

Weiter zum nächsten Kapitel